In Erinnerung an unsere Vorfahren und zur Information für unsere Nachkommen


Aus den Erinnerungen meiner Tante Erika SCHULZ


Mir ist es ein Bedürfnis dieses Kapitel der Geschehnisse aufzugreifen, da es, wie in fast allen Familien die ihre Heimat verlassen mussten sehr großes Leid über sie brachte. Es geht nicht um Gut oder Böse. Sondern einfach nur darum, nicht zu vergessen...



ErnteZeit in Damm bei Linken um 1930


Meine Großeltern, August Streubühr und Frieda Alwine Auguste Streubühr geborene Siegmann, lebten und arbeiteten bis ca. 1938 in Damm auf einem kleinen Gut der Familie  von Dewitz. Mein Großvater war dort Kutscher und meine Großmutter arbeitete dort als Magd. Sie bewohnten dort, wie die anderen Arbeiter des Gutes, eine kleine Wohnung in den Gesindehäusern.




Dort wurden alle sieben Geschwister meiner Mutter Sieglinde geboren:

  • Erika (*1920 +2006)
  • Elvira (1945)
  • Anneliese (+1945)
  • Elfriede (verstorben im Kleinkindalter)
  • Erwin (verstorben im Kleinkindalter)
  • Georg (*1923 + 1943)
  • Werner (*1933 + 2000)

-kurzer Rückblick-

Erika war die Tochter von Frieda und einem jungen Mann namens Willi Werth. Dessen Familie hatte im Nachbarort Linken ein Gutshof. Sie waren verliebt und träumte von einer Hochzeit und einer Familie. Doch diese Liebe stand unter keinem guten Stern! Aus welchen Gründen auch immer waren beide Familien gegen diese Liebe. Willi setzte alle Hebel in Bewegung um seine Frieda doch heiraten zu können. Er bat seine Eltern immer und immer wieder darum seine Frieda zur Frau nehmen zu dürfen. Doch beide Familien blieben hart und willigten nicht in eine Ehe ein. Dann wurde Frieda schwanger, Willi und sie dachten, nun endlich steht ihrer Liebe nichts mehr im Wege. Doch sie hatten sich getäuscht. Die Eltern verboten ihnen jeglichen Kontakt. Heimlich schlich Willi sich nachts im Schutze der Dunkelheit zu ihr, um sie wenigstens sehen zu können.


Dann am 05.12.1920 erblickte Erika das Licht der Welt. Auf Druck der Eltern verließ Willi seine Heimat. Kurze Zeit später erfuhr Frieda, dass er zur Fremdenlegion gegeangen sei. Ein letztes Lebenszeichen kam aus Schweden, dann kam nie wieder ein Lebenszeichen von ihm.  Frieda heiratete dann einige Zeit später August Sreubühr. Dieser wollte Erika adoptieren, doch auch diesmal stellten sich Friedas Eltern der Pläne des jungen Paares in den Weg. Erika wuchs also bei meinen Urgroßeltern mütterlicher Seite in Caselow bei Löcknitz auf.  Albert August Wilhelm Siegmann  und Alwine Auguste Wilhelmine Siegmann geb. Ruthenberg.

 

Erst als Erika dann 1936, mit gerade mal 16 Jahren und Einwilligung ihrer Mutter, den Zimmermann Erich Schulz heiratete, konnte August Streubühr "seine" älteste Tochter Erika adoptieren. Am 24.12.1936 wurde aus Erika Siegmann - Erika Streubühr und Minuten später Erika Schulz. Sie zog dann mit ihrem Mann nach Lippehne. Dort hatte Erich Schulz ein kleines Haus für sich und seine Frau gekauft.


Bei Bauarbeiten an einer Scheune auf dem Gut in Pitzerwitz lernte Erich Schulz den Besitzer Herrn Aulig kennen. Jener suchte zu dieser Zeit Arbeiter und so zogen meine Großeltern um das Jahr 1938 in den kleinen Ort Neuwitz bei Pitzerwitz.


Neuwitz war ein Vorwerk, welches von Frl. Aulig, der Schwester, geführt wurde. Meine Großmutter arbeitete als Magd, Großvater als Knecht, Anneliese als Hausmädchen und Georg erlernte den Beruf des Schäfers in Neuwitz. Elvira ging nach Pitzerwitz bei einer Gastwirtsfamilie in Stellung.


Meine Mutter wurde 1940 in Neuwitz geboren. Sie war das jüngste der 8 Kinder. Als meine Mutter 2 Jahre alt war, starb mein Großvater im Alter von 57 Jahren an Magenkrebs. Von nun an musste meine Großmutter allein für ihre drei  jüngsten Kinder Werner, Anneliese und Sieglinde sorgen.


Erika hatte in der Zwischenzeit selber schon 3 Kinder, Fredi (*1938), Roselore (*1940) und Elke (*1943). Erich, ihr Mann, wurde im November 1943 einberufen und kam 1944 in amerikanische Gefangenschaft. Im Jahre 1946 kehrte er unversehrt zu seiner Familie zurück.


Auch Georg war schon seit einiger Zeit als Soldat im Krieg. Er fiel mit 19 Jahren am 03.02.1943 bei Rshew in Russland.


Die Zeit verging und auch das Jahr 1944 neigte sich dem Ende. Nach all dem Leid wollten meine Großmutter und meine Tante Erika nebst allen Kindern das Weihnachtsfest in Ruhe begehen und das Neue Jahr begrüßen. Anfang Januar bekam meine Tante Erika hohes Fieber und so waren sie und ihre Kinder gezwungen weiterhin in Neuwitz zu bleiben. Der Krieg rückte immer näher und die Straßen waren voller Flüchtlingstrecks und kleiner verwirrter Truppen deutscher Soldaten.


Ende Januar 1945 rückten die ersten russischen Panzer in Neuwitz ein, die II. Belorussische Front. Von diesem Tag an brachte der Krieg noch mehr Kummer und Tränen für meine Großmutter und meine Tante Erika. Die russischen Soldaten plünderten, vergewaltigten Frauen und Mädchen und erschossen wahllos die Männer im Ort. In der Wohnung meiner Großmutter, mit den Kindern Sieglinde, Werner und Anneliese, hatten noch eine junge Frau mit ihren  zwei Kindern und zwei junge Mädchen Zufluchtgefunden. Mit meiner Tante Erika und ihren drei Kindern waren es dann insgesamt 13 Personen. Es war sehr beengt. Doch es wurde noch enger, als sich der russische Generalstab einquartierte. Die Stube durfte nun nicht mehr betreten werden und es wurden Wachpasten vor der Tür postiert. Also blieb nur noch die Schlafstube in der alle 13 Personen wie die Heringe schliefen.


 Aber die Sache hatte auch etwas Gutes. Die Offiziere sorgten dafür, dass sich die Frauen und Kinder  einigermaßen sicher fühlen konnten und vor den Übergriffen einzelner Soldaten verschont blieben. So etwa 4 Wochen mussten die Frauen für den gesamten Stab kochen und mit ihnen gemeinsam essen. Sie hatten wohl Angst vergiftet zu werden.

In der Nachbarstadt Pyritz stießen die Truppen auf großen Widerstand, aber als auch diese Stadt eingenommen war und die Front weiter Richtung Berlin zog, nahm auch der Generalstab woanders Quartier. Nun waren sie wieder schutzlos der weiterlaufenden Front ausgesetzt. Es gab keinen Strom und kein frisches Wasser. Ruhr, Typhus und Gelbsucht breiteten sich aus. In dieser Zeit wurde auch noch ein Zwischenlager deutscher Kriegsgefangener in Neuwitz eingerichtet. Die Not war sehr groß.


08. Mai 1945 Kriegsende!


Ein anderer Kommandant kam in den Ort. Er sorgte für frisches Wasser um die Not etwas zu lindern. Auch mussten alle Bewohner, die im Ort übrig geblieben waren, ihre Häuser und Wohnungen verlassen und in das Verwalterhaus umziehen. Es war wieder sehr beengt, doch der Kommandant ließ Wachen vor das Haus stellen, damit die vielen Vergewaltigungen aufhörten und alle wieder ruhig schlafen konnten.

In Neuwitz gab es große Stallungen und Scheunen in denen die russischen Soldaten alle Kühe, Schweine und Schafe aus der Umgebung unterbrachten. Die verbliebenen Bewohner mussten sich nun um die ganzen Tiere kümmern und sie versorgen. Auch die Lage der Bewohner wurde nun wieder etwas besser. Wehrend der Arbeitszeit wurden sie von Soldaten bewacht und so kam es kaum noch zu Übergriffen auf die Frauen. Zu Essen gab es nun auch wieder mehr und die Kinder konnten mit Billigung der Soldaten mit Milch versorgt werden. Meine Großmutter passte in der Zeit, wenn die anderen arbeiteten, auf die ganzen Kinder auf. Doch auch unsere Familie sollte vom Typhus nicht verschont bleiben. Meine Großmutter, meine Mutter, Erika und die Kinder Fredi und Elke haben den Typhus überstanden. Nur Roselore, die Tochter meiner Tante Erika nicht. Sie starb am 07.06.1945 und wurde auf dem Friedhof in Lippehne beerdigt.


Kurze Zeit später starben Anneliese am 01.07.1945 und Elvira am 04.07.1945 an den Folgen der vielen Vergewaltigungen. Meine Großmutter beerdigte sie mit Hilfe zweier Frauen in Pitzerwitz wo auch mein Großvater schon beerdigt wurde. Meine Tante Erika lag zu dieser Zeit noch mit Typhus und hohem Fieber im Bett. Sie konnte ihr nicht helfen.

In dieser Zeit wurden auch die ersten Tiere verladen und nach Russland abtransportiert. Zuerst die Schafe, dann die Kühe und als dann am 07.10.1945 auch die Schweine verladen wurden hieß es plötzlich für alle schnell packen. Nur das Nötigste, was getragen werden konnte, durfte mitgenommen werden. Alles Essbare, Kleidung und Bettzeug. So erging es auch noch fünf oder sechs anderen deutschen Frauen mit ihren Kindern, die sich noch im Ort befanden. Alle waren vom Typhus noch sehr geschwächt.

Sie wurden zum Bahnhof nach Mellentin gebracht und nachdem die letzten Schweine verladen waren, wurden sie in einem Viehwagen über Nacht eingeschlossen. Am nächsten Tag, dem 08.10.1945, früh fuhr der der Zug los. Keiner wusste wohin und wann die Reise enden sollte. Nach 14 Tagen kamen sie dann ausgeplündert, ausgehungert und völlig erschöpft in Schönebeck (heute Sachsen Anhalt) am Bahnhof an.  Von dort ging es in das Sammellager nach Salzelmen.

Am 18.11.1945 mussten sie das Lager verlassen und bekamen ihren neuen Wohnsitz zugewiesen. Ihre neue Heimat hieß Susigke, einem Dorf bei Aken an der Elbe. Am 27.12.1946 kam auch Erich Schulz, der Mann meiner Tante aus der Kriegsgefangenschaft, in Susigke an. Er hatte von seiner Schwester in Berlin (die mit meiner Tante in Briefkontakt geblieben ist) erfahren wo seine Frau und seine Kinder sind. Meine Großmutter starb als meine Mutter 14 Jahre alt war am 04.02.1955. Sie hatte Hertzasthma und hat sich von den Strapazen und Entbehrungen des Krieges nie richtig erholt. Meine Mutter Sieglinde wurde daraufhin von meiner Tante Erika und ihrem Mann aufgenommen.